Übertriebene Freiheit führt zu Sklaverei
Nicht nur im Staat
gerät in der Folge laut Platon die Ordnung gänzlich aus den Fugen, sondern
ebenso in Gesellschaft und Familie, wo unter Verkehrung der Verhältnisse die
Eltern vor den Kindern und die Lehrer vor den Schülern Angst haben, wo die
Senioren nach Art der Jungen herumalbern – um ja nicht «unangenehm und
herrisch» zu erscheinen – und wo die Unterschiede nicht nur zwischen Herren und
Sklaven, sondern genauso zwischen den Geschlechtern verschwimmen. Ein
vergleichbares Unbehagen liegt der heute von der Neuen Rechten bewirtschafteten
Polemik gegen Political Correctness, LGBT-Anliegen und Genderismus zugrunde,
die in den letzten Jahren im öffentlichen Raum zunehmend dominant geworden
sind.
Eine solcherart
übertriebene Freiheit, die jedes Gesetz als unzulässige Beschneidung empfindet,
löst gemäss Platon den Umschlag in eine ebenso übermässige Sklaverei aus. Die
sozialen Dynamiken, die Platon dabei am Werk sieht, können hier nicht im
Einzelnen nachgezeichnet werden. Eine zentrale Rolle spielen jedenfalls schlaue
Populisten, die «den Vermögenden den Besitz wegnehmen, dem Volk verteilen und
selbst den grössten Teil davon für sich behalten». Und da das Volk die Tendenz
hat, immer einen einzelnen Anführer besonders zu hegen und gross zu machen,
gehe dann aus dem skrupellosen Demagogen, der sich der Menge durch das
Versprechen von Schuldenerlass und Neuverteilung des Landes als «Helfer des
Volkes» andient, der Tyrann hervor.
Zu den
bemerkenswerten Parallelen zwischen Platons Narrativ und dem
Anschauungsmaterial, das moderne «illiberale Demokratien» in Europa, Asien und
Übersee zurzeit kontinuierlich liefern, gehört nicht nur die Tendenz, dass
Autokraten sich direkt auf das Volk abstützen und dessen Zustimmung mit
überzogenen Versprechen zu sichern suchen, sondern ebenso die epidemische
Selbstbereicherung und das regelmässige Anzetteln von Kriegen, «damit das Volk
eines Führers bedarf». (NZZ)
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