Donnerstag, 29. August 2019

29.08.2019 - Platon


Übertriebene Freiheit führt zu Sklaverei
Nicht nur im Staat gerät in der Folge laut Platon die Ordnung gänzlich aus den Fugen, sondern ebenso in Gesellschaft und Familie, wo unter Verkehrung der Verhältnisse die Eltern vor den Kindern und die Lehrer vor den Schülern Angst haben, wo die Senioren nach Art der Jungen herumalbern – um ja nicht «unangenehm und herrisch» zu erscheinen – und wo die Unterschiede nicht nur zwischen Herren und Sklaven, sondern genauso zwischen den Geschlechtern verschwimmen. Ein vergleichbares Unbehagen liegt der heute von der Neuen Rechten bewirtschafteten Polemik gegen Political Correctness, LGBT-Anliegen und Genderismus zugrunde, die in den letzten Jahren im öffentlichen Raum zunehmend dominant geworden sind.
Eine solcherart übertriebene Freiheit, die jedes Gesetz als unzulässige Beschneidung empfindet, löst gemäss Platon den Umschlag in eine ebenso übermässige Sklaverei aus. Die sozialen Dynamiken, die Platon dabei am Werk sieht, können hier nicht im Einzelnen nachgezeichnet werden. Eine zentrale Rolle spielen jedenfalls schlaue Populisten, die «den Vermögenden den Besitz wegnehmen, dem Volk verteilen und selbst den grössten Teil davon für sich behalten». Und da das Volk die Tendenz hat, immer einen einzelnen Anführer besonders zu hegen und gross zu machen, gehe dann aus dem skrupellosen Demagogen, der sich der Menge durch das Versprechen von Schuldenerlass und Neuverteilung des Landes als «Helfer des Volkes» andient, der Tyrann hervor.
Zu den bemerkenswerten Parallelen zwischen Platons Narrativ und dem Anschauungsmaterial, das moderne «illiberale Demokratien» in Europa, Asien und Übersee zurzeit kontinuierlich liefern, gehört nicht nur die Tendenz, dass Autokraten sich direkt auf das Volk abstützen und dessen Zustimmung mit überzogenen Versprechen zu sichern suchen, sondern ebenso die epidemische Selbstbereicherung und das regelmässige Anzetteln von Kriegen, «damit das Volk eines Führers bedarf». (NZZ)

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