Sonntag, 25. August 2019

25.08.2019 - Jude?

Kein Einzelfall  

«Binjamin Wilkomirski war ein Produkt, das einfach perfekt in den Zeitgeist gepasst hat», sagt Daniel Ganzfried heute, «deshalb hat ihn der kopflose Kultur- und Journalistenklüngel auch derart hofiert und gedeckt, obwohl er die Rolle des leidenden Juden unglaublich schlecht gespielt hat.» Für ihn sei der Fall spätestens klar gewesen, als er Dössekker bei einem Besuch in Amlikon direkt gefragt habe, ob er beschnitten sei – und jener mit der Antwort gezögert habe. Dass weder Dössekker noch seine Verteidiger jemals ihre Scharlatanerie öffentlich aufgearbeitet haben, ärgert Ganzfried bis heute, auch wenn «Bruchstücke» längst aus dem Verkehr gezogen worden ist.Die Frage, ob Dössekker berechnend vorging oder eher ein psychisch instabiler Mann ist, der sich mithilfe windiger Psychiater eine neue Identität angeeignet hat, bleibt bis heute umstritten. Für Daniel Ganzfried etwa war sein Motiv «existenzielle Langeweile im Wohlstand». Stefan Mächler dagegen schreibt in seinem Buch, die traumatischen Kindheitserlebnisse Dössekkers hätten nach einer «sinnstiftenden Erzählung» gerufen. Fest steht, dass der «Bruchstücke»-Autor kein Einzelfall ist. So trifft er 1998 in den USA eine gewisse Laura Grabowski, die wie er in Auschwitz gewesen sein will. Vor laufender Kamera gibt es ein tränenreiches Wiedersehen, doch kurze Zeit später wird Grabowski als notorische Betrügerin entlarvt, die bereits eine Karriere als angebliches Sadisten-Opfer hinter sich hat. Seit auch Wilkomirski als Hochstapler aufgeflogen ist, taucht der Begriff «Wilkomirski-Syndrom» immer wieder auf, wenn sich jemand mit einer erfundenen (Opfer-)Biografie in Szene setzen will. (NZZ)

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