STERN-Exclusiv
Niall Ferguson
Historiker über die Auswirkung von Facebook:
"Wir schlafwandeln in Europa
in eine Art
Bürgerkrieg"
Er ist ein globaler Star der Geschichtswissenschaft: Niall Ferguson, 54. Der Brite lehrt als
Professor in Havard. Der renommierte Historiker Niall Ferguson warnt im stern-Interview vor der
zerstörerischen Macht von Facebook und Google: Verbale Gewalt, das lehre die
Geschichte, schlage irgendwann in echte Gewalt um.
Jens
König, USA-Korrespondent
Einer der größten Netzwerker aller Zeiten regiert in den
USA: Donald Trump. 56,3 Millionen Follower allein auf
Twitter. Hat es eine solche Konzentration von Macht in der Geschichte schon
einmal gegeben?
Oh ja. Die meisten großen Herrscher in der Geschichte
hatten größere Macht als Donald Trump. Kaiser und Könige hatten es viel
leichter, Herrschaft über das gemeine Volk auszuüben. Oder denken Sie an Stalin.
Er hatte die totale Kontrolle. Völker waren viele Jahrhunderte lang nicht
besonders gut darin, sich selbst zu organisieren. Die Realität unserer heutigen
Zeit ist eine ganz andere: Moderne Technologien versetzen die Menschen mehr als
je zuvor in die Lage, sich miteinander zu verbinden. Wir leben in einem
Netzwerk-Zeitalter. Sogar Donald Trump mit all seinen Followern auf Twitter und
Facebook ist nur ein Bewohner dieser Welt der
Netzwerke.
Sie untertreiben. Er ist der mächtigste Mann der Welt –
der realen und der sozialen Medien.
Aber seine Macht ist durch die amerikanische Verfassung
begrenzt. Viele reden über Trump, als wäre er der König der Vereinigten Staaten.
Die amerikanische Exekutive ist im Moment jedoch nicht besonders stark. Der
Präsident wird noch merken, wie eingeschränkt seine Herrschaft ist. Die
Demokratische Partei übernimmt gerade die Macht im
Repräsentantenhaus.
Trump lügt auf Twitter jeden einzelnen Tag. Beschimpft
Leute. Bedroht sie. Neulich hat er im Stile eines Mafiabosses seinen früheren
Anwalt, der mit den US-Behörden kooperiert, einen „Schwächling“ genannt.
Untergräbt das nicht die amerikanische Demokratie ?
Da widerspreche ich Ihnen nicht. Was gleichzeitig aber
auch passiert: Trump wird auf Twitter für sein Verhalten attackiert, und er kann das nicht
verhindern. Viele Medien berichten tagtäglich kritisch über ihn. Sie zählen
seine Lügen und stellen ihnen die Fakten gegenüber. Die "New York Times"
verkauft mehr Exemplare als in der Zeit vor Trump. Das nennt man freie
Presse.
Trump hat aber wie kaum ein anderer Politiker die Macht
der sozialen Medien verstanden, oder?
Ja. Jedenfalls setzt er sie gnadenlos ein. Das Problem
in den meisten Demokratien besteht heute darin, dass professionelle Politiker,
Journalisten, Kampagnenmanager und Demoskopen nicht die Revolution verstehen,
die die neuen Netzwerke bedeutet. Sie machen einfach so weiter wie immer. Das
ebnet Außenseitern, die diese Netzwerke nutzen, die Möglichkeit, die Etablierten
zu schlagen. Donald Trump gegen Hillary Clinton. Die Brexit-Befürworter gegen
David Cameron. Schauen Sie sich den Erfolg von Salvini in Italien an und von
Bolsonaro in Brasilien.
"Ohne Facebook und Google wäre Trump nie Präsident
geworden"
Alles Siege von Facebook-Politikern über
Traditionalisten?
Warum wird nur so langsam verstanden, was vor unseren
Augen passiert? Wir erleben einen strukturellen Wandel der Öffentlichkeit.
Hillary Clinton und ihr Wahlkampfteam haben 2016 einfach nicht sehen wollen,
dass Anzeigen bei Facebook entscheidend für den Ausgang der Präsidentschaftswahl
waren. Stattdessen haben sie Unmengen von Geld in die Werbung lokaler
Fernsehsender gesteckt. Ganz die alte Schule. Wir haben heute zwei Arten von
Politik in der demokratischen Welt: die, die Facebook versteht – und die andere,
die verliert.
Ohne Facebook und Google kein Präsident Trump und kein
Brexit?
Davon bin ich absolut überzeugt.
Vernachlässigen Sie dabei nicht politische und soziale
Ursachen? Könnte man nicht auch sagen: Hätten die Leute im mittleren Westen der
USA Jobs und weniger Wut gehabt, dann wäre Hillary Clinton heute vielleicht
Präsidentin?
Die soziale Polarisierung, die viele Experten für den
Ausgang der Wahl 2016 verantwortlich machen, gab es auch schon 2012 und 2008.
Der größte Unterschied zwischen den Wahlen 2008 oder 2012 und 2016 waren die
sozialen Medien. 80 Prozent der Amerikaner konsumieren heute ihre Nachrichten
ausschließlich über Facebook oder Google. Das ist eine Revolution. Trump hat
gewonnen, weil er Hillary Clinton auf Facebook und Twitter dominierte und die
sozialen Netzwerke viel zielgerichteter einsetzte. Stellen Sie sich die Wahl
2016 zu den Bedingungen von 2008 vor mit Facebook, Twitter und Youtube in den
Anfängen. Trump hätte verloren. Clinton hatte etwa doppelt so viel Geld in ihrer
Wahlkampfkasse, und die klassischen Medien haben mehrheitlich sie unterstützt.
Mal abgesehen davon, dass die Russen die Wahl nicht hätten beeinflussen können.
Sie hätten ihre Fake News ja kaum in den klassischen Medien
platziert.
Sie sagen, soziale Netzwerke habe es in der Geschichte
schon immer gegeben.
Netzwerke wurden nicht im Silicon Valley erfunden. Es
gibt sie seit Menschengedenken. Nehmen Sie das Christentum oder den Islam.
Riesige Netzwerke, die sich ohne jede Technologie über große Distanzen
verbreitet haben.
Was ist das Besondere an der heutigen
Zeit?
Das Silicon Valley hat mittels neuer Technologien die
größten und schnellsten sozialen Netzwerke der Geschichte geschaffen. Facebook
hat mehr Nutzer als China Einwohner. Das erschüttert die hierarchischen
Strukturen unserer Gesellschaft. Mich erinnert das an das 16. und 17.
Jahrhundert.
Inwiefern?
Auch damals war es eine Technologie, die zu gewaltigen
Umbrüchen führte. Durch den Buchdruck konnten sich die Ideen der Reformation in
ganz Europa verbreiten. Er hatte ähnliche Auswirkungen auf die Kommunikation wie
heute das Internet. Auch damals dachten die Menschen zunächst, es würden bessere
Zeiten anbrechen, viel mehr Leute könnten die Bibel lesen, Gottes Wort und die
Wissenschaft würden Verbreitung finden. Doch dann kam es schnell zu einer
gesellschaftlichen Polarisierung zwischen Katholiken und Protestanten, es gab
Religionskriege. Fake News, die sich verbreiteten, führten zu Tausenden von
Hexenverbrennungen. Es gipfelte im Dreißigjährigen Krieg.
Das klingt wie eine Warnung der
Geschichte.
Wir erleben heute wieder Erschütterungen, die unser
Zusammenleben gefährden. Die Algorithmen, nach denen die neuen sozialen
Netzwerke funktionieren, polarisieren unglaublich. Die Gesellschaft zerfällt in
einzelne Gruppen, die sich voneinander abschotten, die sich mit Hass überziehen,
die in rasender Geschwindigkeit Lügen und Verschwörungstheorien um den Erdball
schicken und das gesellschaftliche Klima vergiften. Wir erleben eine Art
Kulturkrieg.
Sie glauben, uns stehen gewalttätige Konflikte
bevor?
Manchmal treffen sich Menschen in der realen Welt, weil
sie auf Twitter übereinander hergezogen sind. Aber das ist nicht die Regel. Die
Geschichte lehrt uns, dass verbale Gewalt irgendwann in echte Gewalt
umschlägt.
Der bekannte "New York Times"-Kolumnist Thomas L.
Friedman sieht sein Land schon auf einen "zweiten amerikanischen Bürgerkrieg"
zusteuern.
Ich halte das nicht für übertrieben. Ich sehe nicht,
warum der Prozess der gesellschaftlichen Polarisierung irgendwann aufhören
sollte. Wir schlafwandeln in Europa und den USA in eine Art Bürgerkrieg, weil
wir unterschätzen, wie toxisch der Hass in den Onlinemedien
ist.
Wenn man Sie so hört, sollte man diese Polarisierungs-
und Hassmaschinen sofort abstellen, oder?
Abschalten geht nur in totalitären Regimen wie
Nordkorea. Selbst China hat Ärger, weil es seine Bürger komplett von den
westlichen Plattformen abschottet. Aber wir brauchen eine Regulierung. Dringend.
"Die sozialen Netzwerke müssen reguliert werden.
Dringend"
Da passiert politisch im Moment aber nur wenig bis
nichts.
Die EU kommt nicht recht voran, sie ist zu schwach. Mit
einem harten Bußgeldbescheid der europäischen Wettbewerbskommissarin gegen
Google ist die Sache nicht getan. Und die USA haben kein Interesse. Trump droht
den Silicon-Valley-Unternehmen zwar immer wieder mal, und sein einstiger
Chefberater Stephen Bannon wollte sie sogar wie öffentliche
Versorgungsunternehmen regulieren, weil er in ihnen böse „Globalisten“ sieht.
Aber die Techfirmen gehören zu den größten und wertvollsten Unternehmen der
Welt, sie haben starke Lobbygruppen in Washington. Sie geben Millionen von
Dollar aus, um eine Regulierung zu verhindern.
Was wäre aus Ihrer Sicht denn
notwendig?
Es gibt prinzipiell drei Möglichkeiten. Entweder wir
zerschlagen die Unternehmen mit Anti-Trust-Gesetzen. Oder wir stärken die Macht
der staatlichen Regulierer. Oder aber, diese Variante präferiere ich, wir müssen
Facebook, Google und Twitter für die Verbreitung von Extremismus und Fake News
strafrechtlich und finanziell haftbar machen. Wir können auf keinen Fall nichts
tun.
Auch in einigen europäischen Staaten hat die
gesellschaftliche Polarisierung bereits Populisten an die Macht katapultiert.
Wird die EU daran zerbrechen?
Ich wünschte, ich hätte in den vergangenen 20 Jahren
jedes Mal einen Euro bekommen, wenn ich einen Artikel über den bevorstehenden
Zusammenbruch der EU gelesen habe.
Sie halten die Sorge für
übertrieben?
Für verfrüht.
Aber Sie haben selbst schon von einer Existenzkrise der
EU gesprochen.
Das Projekt der europäischen Integration ist ein Projekt
des 20. Jahrhunderts. Nationalstaaten, die einen Teil ihrer Souveränität einer
zentralen Institution in Brüssel übertragen. Damals waren die Gesellschaften
noch klar hierarchisch organisiert, die Medienwelt war überschaubar, viele der
klassisch konservativen und sozialdemokratischen Parteien, die das Projekt
vorantrieben, sind mittlerweile untergegangen oder schwach. In der Netzwelt von
heute sind Populisten und Nationalisten aufgestiegen. Es gibt keinen Konsens
mehr in der EU für eine weitere Integration. So bleibt ihr Kernproblem
ungelöst.
Welches ist das?
Die EU brauchte nicht nur eine gemeinsame Währung,
sondern auch eine gemeinsame Finanzpolitik. Einen europäischen Finanzminister.
Und eine europäische Armee. All das hat der französische Präsident Macron
vorgeschlagen. Aber Deutschland und die nordeuropäischen Staaten wollen keine
Fiskalunion. Sie fürchten, dass sie ein finanziell angeschlagenes Italien
entschulden müssten.
Und nun?
Ist der Prozess der europäischen Vereinigung an sein
Ende gekommen. Jetzt steht die Frage im Raum, ob es wieder
rückwärtsgeht.
Befürchten Sie das?
Einen zweiten Brexit wird es vielleicht nicht geben.
Aber es könnte passieren, dass Länder wie Ungarn oder Polen einen „stillen
Ausstieg“ aus der EU vollziehen. Dass sie sich heute einer gemeinsamen
Migrationspolitik verweigern und morgen auch anderen Gemeinschaftsprojekten.
"Merkel ist schlecht für Europa. Ihr Motto lautet:
Germany First!"
Ausgerechnet in dieser Lage steht der baldige Abschied
von Angela Merkel, der stärksten politischen Führerin in der EU, von der
internationalen Bühne bevor. Wird das die EU weiter
schwächen?
Angela Merkel ist eine bemerkenswerte politische
Taktikerin. Sie wurde ja sogar als „Merkiavelli“ bezeichnet. Ich mag eigentlich
auch ihren trockenen Humor und ihren unprätentiösen Stil. Aber man soll
Politiker an ihren Ergebnissen messen, nicht an ihrer Art. Da muss man über die
Kanzlerin sagen: Sie war gut für Deutschland. Aber schlecht für
Europa.
Warum?
Ihr Motto lautete: Germany First!
Merkel ein europäischer Trump? Machen Sie
Witze?
Ich erinnere mich an eine Rede Helmut Kohls in der
American Academy in Berlin, als er den Kissinger-Preis erhielt. Merkel war auch
da. Kohl sagte sinngemäß: Eine Politik, die Deutschland an die erste Stelle
setzt und Europa an die zweite, wird in einem Desaster enden. Es war klar, dass
er Merkel damit meinte.
Wo ist Merkels Politik in einem Desaster
geendet?
Ihre Entscheidung mit den Flüchtlingen im Herbst 2015
war ein schwerer Fehler. Sie hat mit der Öffnung der Grenze nicht nur
Deutschland, sondern auch Europa fundamental destabilisiert. Die Konsequenzen
werden noch viele Jahre zu spüren sein. Von "Wir können das nicht schaffen" hin
zu "Wir schaffen das" und wieder zurück zu "Wir können das nicht schaffen" – das
war eine mehr als bemerkenswerte Wende. Merkel ist immer nur der
gesellschaftlichen Stimmung in Deutschland gefolgt. Das war schon in der
Eurokrise so. Damit hat sie nicht nur eine maximale Unsicherheit in Bezug auf
die Zukunft Griechenlands geschaffen, sondern auf die gesamte
Eurozone.
Klingt nicht nach einem Platz in der Ehrenloge
Europas.
Ich habe nie verstanden, warum die angelsächsische
Presse Angela Merkel zur "Führerin der freien Welt" stilisiert hat. Sie war
nicht gut für die freie Welt.
Das Silicon Valley als neue Macht, Europa in der Krise,
Merkel auf dem Weg nach draußen: Wer ist der größte Gegenspieler von Donald
Trump auf der Weltbühne? Chinas Präsident Xi Jinping? Oder Facebook-Chef Mark
Zuckerberg?
Keiner von beiden.
Sondern?
Robert Mueller. Er kann Trumps Präsidentschaft
zerstören. Der amerikanische Sonderermittler mit seinen Untersuchungen von
Trumps schmutzigen Geschäften und dessen möglicher Abhängigkeit von Russland im
Wahljahr 2016 ist die größte Bedrohung für den Präsidenten. Muellers
Ermittlungen sind zugleich ein Beleg dafür, dass der Westen noch lange nicht
geschlagen ist und den globalen Wettstreit mit China gewinnen
kann.
Wie das denn?
China mag in 20 Jahren die wirtschaftlich stärkste Macht
der Welt sein. Die Kommunistische Partei mag mithilfe von Big Data ihre Diktatur
sogar noch weiter stabilisieren. Sie hat uneingeschränkten Zugang zu allen
Daten, sie überwacht ihre Bürger damit noch umfassender. Das ermöglicht eine
völlig neue Form des Totalitarismus. Aber dieser autoritäre Staatskapitalismus
hat in der Netzwerk-Welt des 21. Jahrhunderts einen entscheidenden Nachteil:
seine Zentralgewalt. Das Fehlen jeder Teilung von Macht und der Herrschaft des
Rechts. Ein Robert Mueller wäre in China eben nicht möglich.
Deswegen gewinnen die USA den globalen
Wettstreit?
Die USA werden die Welt in 20 Jahren immer noch
dominieren. Es geht im globalen Wettstreit ja auch um einen Kampf der Werte und
des kulturellen Einflusses. Das amerikanische System ist viel flexibler und
anpassungsfähiger als das chinesische. Es ist dadurch innovativer und kann
Fehler korrigieren. Durch die Stärke ihrer Verfassung wird Donald Trump eine
vierjährige Episode bleiben. Er wird das Land nicht fundamental verändert haben.
Selbst viele Chinesen ziehen Amerika China vor. Ich wurde vor Kurzem als
amerikanischer Staatsbürger vereidigt. Die größte ausländische Gruppe, die mit
mir an diesem Tag da saß, waren Chinesen. Sie wollten alle Amerikaner
werden.
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