Dienstag, 31. Dezember 2019

30.12.2019 - Lächeln


Worüber das Christkind lächeln musste

Von Karl Heinrich Waggerl
  
Als Josef mit Maria von Nazareth her unterwegs war, um in Bethlehem anzugeben, dass er von David abstamme - was die Obrigkeit so gut wie unsereins  hätte wissen können, weil es ja längst geschrieben  stand -, um jene Zeit also kam der Engel Gabriel, heimlich noch einmal vom Himmel herab, um im Stalle nach dem Rechten zu sehen.  

 Es war ja sogar für einen Erzengel in seiner Erleuchtung  schwer zu begreifen, warum es nun der  allererbärmlichste Stall sein musste, in dem der  Herr zur Welt kommen sollte, und seine Wiege  nichts weiter als eine Futterkrippe. Aber Gabriel wollte wenigstens noch den Winden gebieten, dass sie nicht so grob durch die Ritzen pfiffen, und die Wolken am Himmel sollten nicht gleich wieder in Rührung zerfließen und das Kind mit ihren Tränen überschütten, und was das Licht in der Laterne  betraf, so musste man ihm noch einmal einschärfen, nur bescheiden zu leuchten und nicht etwa zu  blenden und zu glänzen wie der Weihnachtsstern.  

 Der Erzengel stöberte auch alles kleine Getier  aus dem Stall, die Ameisen und Spinnen und Mäuse,  es war nicht auszudenken, was geschehen konnte, wenn sich die Mutter Maria vielleicht vorzeitig  über eine Maus entsetzte! Nur Esel und Ochs durften bleiben. Der Esel, weil man ihn später ohnehin für die Flucht nach Ägypten brauchte, und der Ochs, weil er so riesengroß und so faul  war, dass ihn alle Heerscharen des Himmels nicht  hätten von der Stelle bringen können. 

Zuletzt verteilte Gabriel noch eine Schar Engelchen  im Stall herum auf den Dachsparren, es waren solche von der kleinen Art, die  fast nur aus Kopf und Flügeln bestehen. Sie sollten ja auch bloß still sitzen  und Acht haben und sogleich  Bescheid geben, wenn dem Kinde  in seiner nackten Armut etwas Böses  drohte. Noch ein Blick in die  Runde, dann hob der Mächtige seine  Schwingen und rauschte davon.    

Gut so. Aber nicht ganz gut, denn es saß noch ein Floh auf dem Boden der Krippe in der Streu und schlief. Dieses winzige Scheusal war dem Engel  Gabriel entgangen, versteht sich, wann hatte auch ein Erzengel je mit Flöhen zu tun!  
Als nun das Wunder geschehen war, und das  Kind lag leibhaftig auf dem Stroh, so voller Liebreiz und so rührend arm, da hielten es die Engel unterm Dach nicht mehr aus vor Entzücken, sie umschwirrten die Krippe wie ein Flug Tauben. 

Etliche fächelten dem Knaben balsamierte Düfte zu, und die anderen zupften und zogen das Stroh zurecht, damit ihn ja kein Hälmchen drücken oder zwicken möchte. Bei diesem Geraschel erwachte aber der Floh in der Streu. 
 Es wurde ihm gleich himmelangst, weil er dachte,  es sei jemand hinter ihm her, wie gewöhnlich. Er fuhr in der Krippe herum und versuchte alle seine Künste, und schließlich, in der äußersten Not, schlüpfte er dem göttlichen Kinde ins Ohr. 

 "Vergib mir!", flüsterte der Floh atemlos, "aber ich kann nicht anders, sie bringen mich um, wenn sie mich erwischen. Ich verschwinde gleich wieder, göttliche Gnaden, lass mich nur sehen, wie!" Er äugte also umher und hatte auch gleich einen Plan. "Höre zu", sagte er, "wenn ich alle Kraft zusammennehme  und wenn du still hältst, dann  könnte ich vielleicht die Glatze des heiligen Josef  erreichen, und von dort weg kriege ich das Fensterkreuz  und die Tür" ...  

 "Spring nur", sagte das Jesuskind unhörbar, "ich halte still!" Und da sprang der Floh. Aber es ließ sich nicht vermeiden, dass er das  Kind ein wenig kitzelte, als er sich zurechtrückte und die Beine unter den  Bauch zog.

 In diesem Augenblick rüttelte die Mutter Gottes ihren Gemahl aus dem Schlaf. "Ach, sieh doch!" sagte Maria selig, "er lächelt schon!"  

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