Narritiv
Verwendet
wird das Mode-Wort keineswegs nur von Akademikern und den anderen
üblichen Verdächtigen, die schon immer im Ruch standen, die Dinge
kompliziert auszudrücken, wenn es auch einfach ginge.
Kürzlich hat
der frühere EU-Kommissar Franz Fischler von der Österreichischen
Volkspartei bei einem Kongress mit Schülern über die Zukunft Europas
festgestellt, die EU brauche keine Neuordnung, sondern ein neues
Narrativ.
Die „Tiroler Volkszeitung“ hob das Wort daraufhin sogar in
ihre Überschrift. Das ist nicht das Milieu theoriegeschwollener
Eierköpfe.
Auch der Filmemacher Michael Moore, den wahrhaftig noch
nie jemand bezichtigt hat, ein Intellektueller zu sein, schimpfte nach
der Wahl in den USA über das Versagen der Meinungsforschungsinstitute:
„Feuert die Demoskopen, Experten und Vorhersager und alle anderen
Medienleute, die nicht von ihrem Narrativ abweichen wollten.“
Man
erkennt an diesen beiden Zitaten, die aus Hunderten von Beispielen in
Medien der vergangenen Tage ausgewählt wurden, schon die
Doppelgesichtigkeit des Begriffs Narrativ. Einerseits kann ein Narrativ
etwas sein, ohne das politische Formationen nicht zusammenhalten,
andererseits kann es auch einen Verblendungszusammenhang schaffen, der
den Blick auf die Realität trübt.
Aber was genau ist ein Narrativ? Es
kommt von lateinisch narrare, „erzählen“. Bis in die ersten Jahre des
neuen Jahrtausends hinein wurde narrativ fast ausschließlich als
Adjektiv verwendet, und so steht es auch allein in der jüngsten Ausgabe
des Dudens von 2013. Seine Bedeutung wird dort mit „erzählend“ erklärt
und in direkter Nachbarschaft steht das Wort Narratologie
„Erzählforschung, Erzähltheorie“.
Ein Narrativ als Substantiv wäre
dann also eine Erzählung. Aber offenbar nicht die Sorte, von denen im
Deutschunterricht die Rede war. Sondern im Sinne der „großen
Erzählungen“, deren Ende der poststrukturalistische französische
Philosoph Jean-François Lyotard 1979 in seiner Studie „Das Wissen der
Postmoderne“ verkündet hatte. ...
Das Oxford English Dictionary nennt
Lyotard explizit als Urheber der neuesten englischen Bedeutung von
narrative und definiert diese: „eine Erzählung oder Darstellung, die
benutzt wird, um eine Gesellschaft oder historische Periode zu erklären
oder zu rechtfertigen“.
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