Geschichten erzählen ...
Storytelling gilt branchenübergreifend als Gebot der Stunde: in der
Werbung, der Gastronomie, den Medien, wo es zurzeit besonders strapaziert wird.
Wer in der wachsenden Flut an Angeboten und Informationen auffallen wolle,
müsse die Wirklichkeit nicht nur abbilden, sondern narrativ formen, heisst es.
Da lauern allerdings Gefahren in allen Abstufungen: Glätten, Verkürzen,
Übertreiben, Schönen, Erfinden . . .
Szenische Einstiege etwa sind auch im Lokaljournalismus sehr beliebt, der
sich durch besondere Nähe zum Geschehen auszeichnet. ...
Selbstverständlich bleibt der szenische Einstieg ein zwar heutzutage gar
forciertes, aber legitimes Mittel, die Leserschaft in ein sperriges Thema
hineinzuziehen. Eigentlich müsste er sich aber auf eigene Beobachtung
abstützen; basiert er ausnahmsweise auf fremden Quellen, ist das sofort zu
signalisieren, sonst ist es sehr nahe am Täuschungsversuch. ...
Das Bewusstsein für die Problematik der «szenischen Rekonstruktion» müsste
spätestens seit 2010 geschärft sein: Damals wurde im ersten Abschnitt einer
«Spiegel»-Reportage der damalige CSU-Chef Horst Seehofer beim Spiel mit der
Modelleisenbahn in seinem Keller beschrieben. Der Journalist selbst war nie
dort, ließ dies im Text aber in der Schwebe. Die Henri-Nannen-Preis-Jury fühlte
sich betrogen und aberkannte ihm ihre Auszeichnung, wofür sein Arbeitgeber
Unverständnis zeigte. Tatsächlich war der Verstoß harmlos im Vergleich zu
Relotius’ Fall. ...
Beim ÖR-TV werden vor allem bei den Filmchen über das Dritte Reich fünf,
zehn oder 15 Sekunden zugeschnitten ohne irgendeinen Verweis, wo das war ... es
ist halt Krieg gewesen... da kommt alles in den großen Marmeladentopf, ohne
Datum und Ortsangabe ... Darauf kann der Zuschauer verzichten .. in diesem
„Lügen-Krieg“ ...
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